Editorial mo 6/2017

Im Keim erstickt

Carsten Blumenstengel
Schon jetzt sterben – je nach Statistik – mehr als zehn Mal soviele Menschen an sogenannten Krankenhauskeimen, als im Straßenverkehr. Ein Teil des Problems ist, dass bei der manuellen Reinigung und Desinfektion kaum ein 100-Prozent-Ergebnis erzielt werden kann. Zusätzlich erhöhen Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen den Zeitdruck – und können nicht zuletzt dazu führen, dass beim Personal Kosten vor Qualifizierung gehen. Antibakterielle Beschichtungen können deshalb im Kampf gegen resistente Keime wertvolle Dienste leisten – denn sie verhindern, dass in Winkeln und Ritzen eines Produktes, Instrumentes oder eines Raumes Bakterienstämme die Reinigung und Desinfektion überleben und Resistenzen ausbilden.

Während es keinerlei Vorgaben oder Regulierungen gibt, wie weltweit Pharmazeutika herzustellen sind, damit sie importiert werden dürfen, stellt die EU stattdessen das altbewährte Emaille an den Pranger. Durch die sich momentan andeutende sachfremde Neufassung von Migrationsgrenzwerten könnten im Extremfall emaillierten Oberflächen der Kontakt mit Lebensmitteln verboten werden. Auch wenn derzeit die Hoffnung besteht, dass die beteiligten Parteien das Problem am Verhandlungstisch klären können, ist die Entwicklung irritierend, zumal Email-Schichten seit mehr als hundert Jahren bewährt sind und wegen ihrer Beständigkeit auch in der Chemieindustrie Anwendung finden. Mehr dazu lesen Sie ab Seite 21.

Schon lange helfen Beschichtungen auch in der Lebensmittelindustrie, Produkte gesünder oder länger genießbar zu machen. Erinnern sie sich noch, dass in der Frühzeit der PET-Flaschen zum Beispiel Mineralwasser einen merkwürdig süßlichen Geschmack aufweisen konnte? Längst kommen hier Beschichtungen als Diffusionssperre zum Einsatz, um solche Geschmacksverirrungen zu verhindern. Sehr effektiv ist hier eine hauchdünne Glasbeschichtung per Plasmaoberflächentechnik – eine ideale Diffusionbarriere, die viele Nachteile der PET-Flaschen in Bezug auf die Produkthaltbarkeit beseitigen kann – lesen Sie mehr darüber in dem Beitrag ab Seite 24.

Insgesamt veranschaulicht die Medizin- und Lebensmittelbranche einmal mehr, was für eine spannende Querschnittstechnologie die Oberflächentechnik ist.

Ihr
cb
Carsten Blumenstengel